Wenn der Schreibtisch leer, aber der Kopf voll ist
Viele Führungskräfte erleben beim Übergang in den Ruhestand eine unerwartete Leere. Der Ruhestand beginnt oft mit Erleichterung. Termine fallen weg, der Kalender wird leerer, der Druck lässt nach. Viele freuen sich lange auf diesen Moment.
Und dann – nach Wochen oder Monaten – wird es stiller als erwartet.
Diese Stille ist nicht dramatisch. Sie kommt ohne große Krisen, eher leise. Manche beschreiben sie als ein diffuses Gefühl von Leere. Andere sagen: „Ich habe eigentlich alles – und weiß trotzdem nicht, was ich mit mir anfangen soll.“
In unserer Arbeit mit Menschen im Ruhestand erleben wir, dass dieses Gefühl häufig missverstanden wird. Es wird schnell als Undankbarkeit oder persönliches Versagen gedeutet. Doch die Leere ist kein Fehler. Sie ist ein Übergang
Was ist das Empty-Desk-Syndrom im Ruhestand?
Das Empty-Desk-Syndrom beschreibt eine emotionale und psychologische Krise, die viele Menschen beim Übergang in den Ruhestand erleben, wenn der gewohnte Berufsalltag mit all seinen Aufgaben, Routinen und sozialen Rollen abrupt wegfällt. Es geht dabei nicht nur um einen leeren Schreibtisch als physisches Objekt, sondern um den Verlust von Struktur, Sinn, sozialer Zugehörigkeit, Bedeutung und beruflicher Identität.
Fachlich wird der Begriff häufig auf den Psychologen Otto L. Quadbeck zurückgeführt, der das Phänomen anhand ehemaliger Führungskräfte untersucht hat: Mit dem Ausscheiden aus dem Berufsleben gehen Status, berufliche Rolle, Kompetenzbestätigung und Selbstwirksamkeit verloren, was zu einer tiefen inneren Leere führen kann.
Kurz gesagt:
Das Empty-Desk-Syndrom ist eine Identitäts- und Sinnkrise nach dem letzten Arbeitstag, geprägt durch das Fehlen der beruflichen Rolle als strukturierenden und identitätsstiftenden Faktor im Leben.
Typische Symptome des Empty-Desk-Syndroms
Stellen Sie bei sich eines oder mehrere dieser Symptome fest?
- Gefühl von Leere nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben
- Verlust von Struktur im Alltag („Die Tage verschwimmen“)
- Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden
- Identitätskrise („Wer bin ich ohne meinen Beruf?“)
- Innere Unruhe trotz mehr freier Zeit
- Niedergeschlagenheit oder depressive Verstimmung
- Rückzug aus sozialen Kontakten
- Übermäßiges Grübeln über die Vergangenheit
- Idealisierung der früheren Arbeitszeit („Früher war alles besser“)
- Schlafstörungen
- Reizbarkeit oder ungewöhnliche Gereiztheit
- Motivationsverlust für neue Aktivitäten
- Körperliche Beschwerden ohne klare medizinische Ursache (z.B. Müdigkeit, Erschöpfung, diffuse Schmerzen)
- Neid oder Wehmut beim Blick auf arbeitende Menschen
- Übermäßiges Klammern an alte Routinen (z.B. frühes Aufstehen ohne Anlass, zwanghaftes Checken von E-Mails)
Warum besonders Menschen betroffen sind, die beruflich viel bewegt haben
Gerade leistungsstarke, engagierte Menschen trifft das Empty-Desk-Syndrom oft besonders stark – aus mehreren Gründen:
1. Der Beruf war mehr als nur ein Job
Wer viel Verantwortung getragen, Projekte aufgebaut oder Teams geführt hat, hat darüber oft einen großen Teil seiner Identität definiert. Mit dem Ruhestand fällt diese tragende Rolle plötzlich weg.
2. Starke Sinnorientierung
Menschen, die „viel bewegt“ haben, erleben ihre Arbeit häufig als sinnstiftend. Wenn dieser Beitrag zur Gesellschaft oder zum Unternehmen abrupt endet, entsteht ein Gefühl von Bedeutungsverlust.
3. Hohe Fremd- und Selbstbestätigung
Anerkennung, Einfluss, Entscheidungen treffen – all das wirkt wie ein täglicher Selbstwert-Booster. Im Ruhestand fehlt diese Rückmeldung oft schlagartig.
4. Gewohnheit an Tempo und Verantwortung
Ein voller Kalender, Problemlösungen, Entscheidungen unter Druck – das war Normalität. Die neue Weite im Alltag fühlt sich dann nicht nach Freiheit, sondern nach Orientierungslosigkeit an.
5. Soziales Netzwerk war stark arbeitsbezogen
Viele Kontakte waren Kolleg:innen, Kund:innen oder Geschäftspartner:innen. Mit dem Abschied brechen diese Begegnungen weg – und damit auch ein wichtiger sozialer Anker.
6. Kontrollverlust
Im Berufsleben waren diese Menschen Gestalter:innen. Der Ruhestand bringt mehr Unvorhersehbarkeit und weniger äußere Anforderungen – das kann sich ungewohnt passiv anfühlen.
7. Schwierigkeit, „genug geleistet“ zu akzeptieren
Leistungsorientierte Menschen tun sich oft schwer damit, einen Lebensabschnitt wirklich abzuschließen. Innerlich läuft das „Ich müsste doch noch…“ weiter.Der neue Freiraum, der Tag, eine Woche, ein Monat ohne interne Meetings, Abgabefristen und Kundentermine fühlt sich zunächst ungewohnt an.
Was hilft gegen das Empty-Desk-Syndrom?
Darauf gibt es keine schnellen Antworten. Und genau das macht viele unruhig. Unsere Gesellschaft ist geübt im Tun, weniger im Innehalten. Der Ruhestand konfrontiert uns mit dieser Lücke. Hilfreich ist es, diese Phase nicht sofort füllen zu wollen. Nicht jede Leere muss umgehend beseitigt werden. Manchmal zeigt sie nur, dass etwas Neues entstehen will – aber noch Zeit braucht.
1. Der Leere bewusst Raum geben
So unangenehm es ist: Dieses Gefühl ist kein Fehler, sondern ein Übergang. Wer jahrzehntelang Verantwortung getragen hat, darf trauern – um Rolle, Status, Struktur und Wirksamkeit. Das anzuerkennen ist der erste Schritt, statt die Lücke hektisch zu stopfen.
2. Eine neue Tagesstruktur aufbauen
Freiheit ohne Struktur fühlt sich schnell nach Sinnlosigkeit an. Hilfreich sind:
- feste Aufsteh- und Schlafenszeiten
- wiederkehrende Wochenroutinen
- geplante Aktivitäten statt nur „mal schauen“
3. Sinn neu definieren – jenseits von Karriere
Die zentrale Frage lautet nicht mehr: „Welche Position habe ich?“ sondern:
„Wofür möchte ich meine Zeit und Energie jetzt einsetzen?“ Das kann sein:
- ehrenamtliches Engagement
- Mentoring oder Weitergabe von Erfahrung
- Unterstützung von Familie oder Gemeinschaft
- kreative oder handwerkliche Projekte
4. Wirksamkeit erleben
Menschen, die viel bewegt haben, brauchen das Gefühl, etwas zu bewirken. Kleine, konkrete Aufgaben helfen mehr als abstrakte Vorsätze:
- ein Projekt übernehmen (Verein, Nachbarschaft, Initiative)
- regelmäßige Verantwortung statt nur punktuelle Hilfe
- sichtbare Ergebnisse erleben
5. Soziale Kontakte aktiv pflegen
Warten, bis sich jemand meldet, führt oft in die Isolation. Besser:
- feste Verabredungen etablieren (z.B. wöchentlicher Kaffee, Sportgruppe)
- neue Kreise erschließen (Kurse, Vereine, Interessengruppen)
- alte Kontakte bewusst in neue Formen überführen
6. Die eigene Identität erweitern
Statt „Ich war Führungskraft/Unternehmer:in/Expert:in“ darf ein neues Selbstbild entstehen:
- Lernende Person
- Gestalter:in im privaten Umfeld
- Erfahrungsgeber:in
- Genießer:in mit Tiefe statt Tempo
7. Körper in Bewegung bringen
Bewegung wirkt direkt auf Stimmung, Schlaf und Selbstwirksamkeit. Besonders hilfreich:
- regelmäßige Spaziergänge mit Ziel
- Sport in Gruppen
- Aktivitäten draußen in der Natur
8. Neue Lernfelder entdecken
Neues zu lernen aktiviert das Gehirn ähnlich wie berufliche Herausforderungen:
- Sprache, Instrument, Kunstform
- digitale Themen
- Geschichte, Philosophie, Psychologie
9. Professionelle Begleitung nutzen
Coaching, Ruhestandsberatung oder Austauschgruppen helfen, die Übergangsphase bewusst zu gestalten. Gerade leistungsorientierte Menschen profitieren davon, diesen Lebensabschnitt ebenso aktiv zu planen wie früher ihre Karriere. Individuelle Begleitung, zugeschnitten auf Ihre Bedürfnisse finden Sie bei http://www.spurwechsel-ruhestandscoaching.de
Der Ruhestand ist kein Ausstieg aus dem Leben, sondern ein Rollenwechsel von Leistung zu Lebensgestaltung.
Über die Autorin:
Anne Weber-Ploemacher hat Spurwechsel-Ruhestandscoaching gegründet, um Menschen beim Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand zu unterstützen. Zusammen mit ihrer Partnerin Hilde Dorothea Schiffer bietet sie individuelle, hochkarätige 1:1-Coachings, Paarcoachings, Workshops und Retreats an. Für Privatpersonen und für Unternehmen.
